Leonardo Da Vinci: Abendmahl/last supper - Part 3
 
Fortsetzung

Physiognomik und Mimik.

Lavater teilte bereits die charakterologischen Phänomene in physiognomische und mimische ein. Die Physiognomik behandelt die festen, konstanten, mehr oder weniger unbeweglichen Formen der Körperteile, z.B. den Gesamtkörperbau, die Form des Schädels, der Nase, der Ohren, der Hände, des Halses usw. Die Mimik erklärt die Bedeutung der Körper- und Organbewegungen, der Gebärden. Jedes Wissensgebiet hat einen gewissen Wert und Vorzug für sich. Mit Hilfe der Physiognomik erkennt man die mehr oder weniger unveränderlichen, dauernden Charaktereigenschaften und an den Bewegungen die vorübergehenden, augenblicklichen Gedanken und Gefühle. Zur Mimik gehört zudem die Deutung der Kleidung, Handschrift und des Tonfalles.

Die Physiognomik hat eine primäre Stellung gegenüber der Mimik. Letztere spielt sich auf dem festen Gerüst des Körperbaues wie auf einer Unterlage ab. Ohne physiognomische Kenntnisse kann es niemals eine gründliche Mimikwissenschaft geben. Ich gehe nun auf einzelne physiognomische Daten ein.



Die Naturellehre.

Die Naturell- oder Typenlehre ist als das ABC der Charakterologie anzusehen, da hierdurch die Grundrichtung des Seelenlebens bei Mensch, Tier, Pflanze erkannt wird. Erst nach der Feststellung des Typus kommt die Deutung individueller Einzelheiten an die Reihe. Mit Hilfe der Typenlehre wird uns das biologisch-psychologische Verständnis aufgehen über das Wesen der verschiedenen Kunstkulturkreise. In der seit 1922 in der offiziellen Medizin vertretenen Drei-Typen-Lehre Prof. Kretschmers*) ist nichts Neues gegenüber den Huterschen Findungen vorhanden.

Der gute Menschenkenner Nr. 6. Hrsg. Amandus Kupfer. Schwaig b. Nürnberg. 1933
(Hinzugefügt)

Zudem hat Huter sich nicht nur einseitig die Anwendung der gefundenen drei Grundtypen für die Medizin, sondern auch ihre Bedeutung für die Kunst- und Kulturforschung, Eheethik, Staatskunst, Berufswahl usw. angelegen sein lassen. Wer Näheres über diesen Punkt (Huter-Kretschmers) zu wissen wünscht, sei auf eine diesbezügliche Arbeit verwiesen**) 

*) "Körperbau und Charakter".
**)Amandus Kupfer "Die Dreitypenlehre", 1930. Die Priorität in dieser Frage kommt zweifellos Huter zu. (Hier in Rubrik „Original“).

Cover - Die Dreitypenlehre Carl Huter im Vergleich zu den drei Körperbautypen Prof. Dr. med. Kretschmers
(Hinzugefügt)

Huter fand seine drei Grundtypen schon als sechsjähriger Knabe. Es bewahrheitet sich hier einmal wieder das Dichterwort: "Und was kein Verstand der Verständigen sieht, das übet in Einfalt ein kindliches Gemüt." Erst viel später erbrachte er den naturwissenschaftlich-biologischen Beweis für die Richtigkeit seiner ursprünglich intuitiv gefundenen Naturelle an Hand der Zellenlehre, Physiologie, Anatomie und Entwicklungslehre. Huter lehrte drei Grundtypen und zahlreiche Mischtypen zu unterscheiden.

Die Dreieinigkeit von Stoff, Geist und Kraft in der Form
Amandus Kupfer: DgM Nr. 24. 1934 (Hinzugefügt)

Die drei Grundnaturelle sind das "Ruh- und Ernährungs"-, das "Tat- und Bewegungs-" und das "Denk- und Empfindungsnaturell". Diese drei Naturelle sind Repräsentanten und Ausdruck der drei Grundrichtungen des Naturgeschehens: der Ruhe, Bewegung und Empfindung. Huter bezeichnete sie auch als die drei Grundprinzipien des Naturgeschehens. Diese Lehre der Trialität nimmt in seinem philosophischen System eine wichtige Stellung ein. Ich bringe zu den folgenden Abbildungen nur skizzenhafte Bemerkungen, und zwar nur so weit sie für den Rahmen dieser Arbeit in Frage kommen. Eingehendere Erklärungen über die Naturellehre findet der geschätzte Leser in der Huter-Literatur.

Figur 2. Das chemische Ruh- und Ernährungsnaturell
Entnommen aus "Handbuch der Menschenkenntnis"

Dieses Naturell hat ein rundes, breites, volles Gesicht; gedrungenen, vollen, mittelgroßen Körper; breite Hochbeine, mäßig hohe Stirn, kurzen Schädel, volle Lippen, fleischige Nase. Die Extremitäten, die Arme, Finger und Beine sind kurz und laufen stark konisch zu. Der Leibesumfang ist größer als der Brustumfang. Das Ruh- und Ernährungsleben steht der Physiognomie gemäß im Vordergrund des Lebensinteresses. Diese Naturelle sind seßhaft und konservativ, haben einen guten praktischen Instinkt und starken Erwerbssinn. Im höheren Geistesleben, in der idealen Kunst, Philosophie und Religion sind sie selten. Sehr viele Ernährungsnaturelle sind unter den Chinesen, Holländern, Russen und auch in Süddeutschland zu finden. Shakespeare hat im Falstaff und Cervantes im Sancho Pansa das Seelenleben des Ernährungsnaturells charakterisiert.

Figur 3. Das physikalische Tat- und Bewegungsnaturell
Entnommen aus "Handbuch der Menschenkenntnis"

Dieser Typus zeichnet sich durch ein langes, hartes, knöcheriges Gesicht, große Nase, vortretendes Kinn, starken Unterkiefer, langen, muskulösen Hals, breite Brust und Schultern aus. Er hat lange, kräftige, muskulöse Arme, Beine, Hände, Füße, Finger; meist langen Schädel und eine mäßig hohe Stirn. Dieser Körperbau spiegelt einen starken Bewegungs- und Tatendrang. Die Bewegungsnaturelle lieben die Freiheit und Unabhängigkeit. Sie verhalten sich entweder konservativ oder sie sind Revolutionäre. Auch diese Naturelltypen sind im höheren Geistesleben selten. Unter den semitischen Völkern, den alten Römern, den Portugiesen, Engländern, Indianern Nordamerikas und auch den modernen Nordamerikanern treten die Bewegungsnaturelle zahlreich auf. In diesem Naturell lagen z.B. Julius Cäsar und Moltke.

Figur 4. Das psychische Denk- und Empfindungsnaturell 
Entnommen aus "Handbuch der Menschenkenntnis"
Es besitzt ein feines, ovales Gesicht mit schönen, großen, leuchtenden Augen und fein geschnittenen Gesichtszügen. Die Stirnmassen überwiegen die materiellen Gesichtsmassen unterhalb der Augen. Hals und Rumpf sind zart und schlank gebaut. Die Empfindungsnaturelle haben das tiefste Gefühlsleben von den drei Naturellen. Sie sind Empfindungs- und Ideenmenschen. Sie sind die großen, schöpferischen Persönlichkeiten im geistigen Leben. Nicht Gut und Leben sind ihre Ideale, sondern ihre seelische Eigenheit, ihre innere Welt. Wenn sie alles hingeben, diese opfern sie nicht. Es sind die Märtyrernaturen ihrer Ideale. Unter den Indern und in den Kulturzentren der romanischen Länder wie Rom, Florenz, Venedig, Paris, auch in Leipzig, Stuttgart und Dresden sind viele Empfindungsnaturelle zu finden. In diesem Naturell lagen Melanchton, Kant und Ibsen.

Die Dreiteilung des Stofffes
Quelle: DgM Nr. 24. 1934

Figur 5. Das harmonische Naturell
Entnommen aus "Handbuch der Menschenkenntnis"

Beim harmonischen Naturell treten die drei Grundlebensrichtungen in mehr oder weniger gleicher Stärke in Erscheinung. Der Körper- und Gesichtstypus dieser Personen ist meistens außerordentlich schön, von guter Proportion, Symmetrie und edler Fülle. Sie strahlen ein harmonisches geistiges Innenleben aus. Unter den alten Aegyptern, Babyloniern und Griechen müssen diese Naturelle zahlreich vertreten gewesen sein. In diesem Naturell lagen Goethe, Mozart, Plato.

Figur 6. Das disharmonische Naturell
Entnommen aus "Handbuch der Menschenkenntnis"

Dieses zeigt disharmonische, asymmetrische, schlecht proportionierte Körper-, Kopf- und Gesichtsformen. Dem Körperbau gemäß ist das Geistesleben. Es neigt dazu, Harmonien durch übelkritische, boshafte Handlungen und Bemerkungen zu stören. Es sucht unnötige Härten, Opposition und Zersplitterung herbeizuführen. Unter unentwickelten Menschenrassen, wie den Australnegern, sind diese Naturelle zahlreich vertreten.

Außer diesen fünf Naturellen gibt es noch viele Mischnaturelle, z.B. das "Ernährungs- und Empfind-ungsnaturell" (Fritz Reuter und Julius Kerner); das "Ernährungs- und Bewegungsnaturell" (Bismarck); das "Bewegungs- und Empfindungsnaturell" (Schiller). Vom harmonischen und Empfindungsnaturell aufwärts wird weiter unterschieden das "Ideale" (Hans Sachs) und das "Heilige Naturell" (Pestalozzi) und vom disharmonischen Naturell abwärts das zur Zerstörung neigende "Verbrecher"- (Nero) und das "Mephistonaturell" (Machiavelli). Mit diesen Ausführungen über die Naturellehre Huters habe ich nur das allerwichtigste gebracht, damit die Bildbeurteilungen nicht mißverstanden werden können.

Es ist noch ganz besonders darauf hinzuweisen, daß bei den Huterschen Konstitutionstypen weder rein körperliche (physische), noch rein seelische (psychische) Elemente ins Auge gefaßt sind, sondern beide zugleich, nämlich psycho-physische Typen. Nach dieser Lehre ist mit jedem Körperbau eine ganz bestimmte seelische Struktur untrennbar verbunden: Seele und Körper sind nicht voneinander Verschiedenes, sondern Eines. Die Naturellanlage offenbart somit eine typische Wesensart, typisches Empfinden und Wollen, was natürlich noch variiert wird durch das Individuelle des menschlichen Seelenlebens.

Wenn im Lichte dieser Huterschen Naturellehre die verschiedenen Kunstkulturkreise betrachtet werden, ergibt sich, daß in den Kunstschöpfungen eines Volkes seine vorzugsweise betonte Naturell- (Wesens-) anlage sich spiegelt. Ich lasse jetzt in diesem Sinne einige Beispiele folgen.

In der Kunst der Griechen, die viele Harmonie- und Tatnaturelle aufzuweisen hatten, kommt neben einer großartigen Phantasie und reichem Schönheitssinn auch die Harmonie, mit Tatkraft und Tatenfreudigkeit gepaart, zum Ausdruck. Kampfesszenen und andere, wo die Körperkraft Triumphe feiert, sind oft Vorwurt der antiken griechischen Künstler gewesen. Es sei nur an viele Szenen in Homers Ilias und Odyssee als Beispiele aus der Dichtkunst erinnert. In der Plastik sind sowohl in Einzelfiguren als auch in den Reliefs, Friesen und Giebelfeldern zahlreiche Motive zu finden (Diskuswerfer, Ringer, Läufer, Boxer, Krieger). Daneben findet man haarscharfe Charakterisierungen ethisch-religiöser Prinzipien in der Darstellung der Bewohner des Olymps, des griechischen Götterhimmels: Zeus als Obergott liegt im harmonischen Naturell, Apollo als Gott der schönen Künste im Harmonie- und Tatnaturell, Silen oder Faun, als Symbol niederer Naturelle, liegt teils im Ernährungs-, teils im gemeinen Naturell; Herkules, der Athlet, im Bewegungs-Ernährungsnaturell; Diana, die Göttin der Jagd, im Bewegungsnaturell; Ares, der Gott des Krieges, ebenfalls im Bewegungsnaturell. Der Schleifer, welcher Marsyra die Haut abziehen soll, liegt im disharmonischen Naturell usw.

Das "griechische" Profil ist der Ausdruck geistigen und körperlichen Adels. Die griechische Nase zeigt besonderen Sinn für Plastik und Aesthetik. Die Griechen pflegten vorwiegend eine idealistische Porträtkunst.

Von der griechischen Kunst sagt Huter: "Sie spiegelt den Idealismus der körperlichen Erscheinung in der körperlichen Schönheit im Verein mit höchster Geisteskultur, dem physiognomischen und psychologischen Denken. Die griechische Kunst spiegelt altklassische Philosophie wieder.“ (Katechismus der Psycho-Physiognomik.)

Die alten Inder haben in großer Mehrzahl Empfindungsnatuelle aufzuweisen gehabt. Seit uralten Tagen wird bei ihnen hohe Geisteskultur getrieben, Okkultismus, Mystik, Philosophie und Religion haben von jeher dort eine besonders feine Ausprägung erhalten. Dieses reiche Empfindungsleben wirkt sich auch in ihrer Kunst aus. Ihre Architektur zeigt eine überreiche Differenzierung und Gliederung und gibt Zeugnis von einer dementsprechenden Phantasie. Die Fassaden ihrer Tempel erinnern oft an mediale Zeichnungen. Die buddhistische Plastik offenbart Innerlichkeitskultur aber wenig Taten- und Kampfeslust.

Die Römer mit sehr vielen Bewegungsnaturellen waren Realisten und schöpferisch in der Profanbaukunst. Sie bauten riesige Wasserleitungen, Badeanstalten (Thermen), Zirkusse statt Theater, Triumphbogen, Sieges-säulen, Schlösser und Wohnsitze für die Cäsaren, die prunkvoll und pomphaft zum Zwecke der Repräsentation ausgestattet wurden. Sie pflegten eine realistische Porträtkunst. Die Kunst der alten Römer spiegelt ein nüchternes und phantasiearmes Volk, Kriegesmacht, Verstandeskraft, Gewalt und Sinn für Repräsentation. Ihre Gottesvorstellungen haben sie von den Griechen übernommen. Philosophen und Dichter vom Formate eines Plato und Homer hatten sie nicht aufzuweisen.

Die Hölländer haben vorwiegend Ernährungsnaturelle in ihrem Volke. Da die Ernährungsnaturelle sich stärker auf das Naheliegende konzentrieren und weniger mit ihren geistigen Blick und den Sehnsüchten in die Ferne schweifen und einen stark ausgeprägten Kleinsinn (Sinn für kleine Gegenstände) haben, so ist auch die Kunst demgemäß. Sie haben die größten Meister in der Stilleben-, Landschafts-, Genre- (Darstellung der Sitten und Gebräuche im Volksleben), Interieur- (Darstellung des Innern der Bürgerhäuser und anderer Räume) und Tiermalerei hervorgebracht. Dabei zeichnet sich ihre Kunst durch sachliche Genauigkeit, oft bis ins kleinste Detail, in der Darstellung aus. Bei ihnen blühte keine christliche Heiligenmalerei (Darstellung von Empfindungsnaturellen) mehr, als sie von Spanien um 1600 unabhängig geworden waren. Sie ließen sich selber malen. Die bürgerliche Porträtmalerei hat hier ihre meisten und schönsten Blüten getrieben. Aehnlich ist es in der chinesischen Kunst, abgesehen von den rassischen Unterschieden.

Levitating Stone
(Hinzugefügt)
Viele disharmonische Naturelle sind, wie bereits erwähnt, unter den primitiven Naturvölkern. Demgemäß sind deren Kunstprodukte: schlecht proportioniert, fratzenhaft und daher häßlich.

Wie die Kunst eines ganzen Volkes die in ihm vorzugsweise betonte Naturellanlage wiedergibt, so auch die Kunst eines Einzelnen dessen Naturellanlage: "In dem Naturell, in dem ein Künstler liegt, schafft er auch seine Ideale" (Huter, Hauptwerk, V. Bd.). Im Ernährungsnaturell unter den Malern lagen z.B. Brouwer, Hogarth, Spitzweg, Zille. Im Bewegungsnaturell lagen Grützner, Max Liebermann, Velasques, Fr. Hals. Im Empfindungsnaturell lagen Coreggio, Raphael, Feuerbach, v. Dyck und Menzel. Im ausgesprochenen harmonischen Naturell lagen Leonardo da Vinci, Tizian, Murillo, Rubens, Dürer, Holbein d. J. Wie die Maler im Ernährungsnaturell Heimatmaler sind, so sind die Dichter im Ernährungsnaturell Heimatdichter. Ich erinnere an den Dichter mecklenburgischer Eigenart Fritz Reuter, dessen Ideal, der Onkel Bräsig, auch im Ernährungsnaturell lag, und an den in hannoverschen Landen bekannten Dichter Henze. Richard Wagner hatte starken Anklang an das Bewegungsnaturell. Er brachte eine allzu gigantische Musik, er überbietet sich selbst in seinen Impulsen, seine Helden stellen zu hoch gespannte Ideale dar.



Erstellt 1998. Update 24. April 2007
© Medical-Manager Wolfgang Timm
Fortsetzung

Die  Kronen symbolisieren die höhere Natur in jedem Menschen, sein individueller potentieller innerer Adel. Jedermann ist verpflichtet seinen inneren Adel nach Albrecht Dürer und Carl Huter zu heben. Kunst-Physiognomik. Peter Lips                   Bearbeitung: Medical-Manager Wolfgang Timm
 
Das Abendmahl