Menschenkenntnis Lehrbrief IV. - Part 11
 
Hauptwerk 1904-06. Carl Huter
Bearbeitung: Medical-Manager Wolfgang Timm

FORTSETZUNG

Bald bildet sich, von der Stelle ausgehend, wo die Zellenanhäufung stattfand, eine zweite Schicht, die von innen die ursprünglich einfache Zellschicht der Keimblase umwuchert.

Keimblase mit den drei Keimblättern

Keimblase mit den drei Keimblättern

Zwischen diesen beiden Zellschichten entsteht schließlich eine dritte, und aus diesen drei "Keimblättern", wie man die drei Zellschichten nun nennt, bildet sich der gesamte Organismus des Kindes. Siehe Abbildung Tafel XII.


Die Keimblätter bezeichnet man nach ihrer Lage

1. äußeres oder erstes Keimblatt "Ektoderm",
2. inneres oder zweites "Entoderm",
3. mittleres oder drittes "Mesoderm".

Aus dem ersten oder Ektoderm entwickelt sich das Epithelgewebe aller inneren und äußeren Häute und das Nervengewebe, aus dem zweiten oder inneren Entoderm entwickelt sich der Ernährungsapparat und aus dem mittleren Mesoderm der Bewegungsapparat, Knochen, Muskeln usw.

Tafel IX. Studien zur Entwicklungslehre nach HÄCKEL*)

*) ERNST HÄCKEL, "Der Kampf um den Entwicklungsgedanken".
 
Embryonen (Keime) von drei Säugetieren auf drei ähnlichen Entwicklungsstufen

F1                Tafel IX.           G1                                                    M1



F2                Tafel IX.           G2                                                    M2



F3                Tafel IX.           G3                                                    M3

F=Fledermaus (Rhinolophus), G=Gibbon (Hylobates), M=Mensch (Homo).

Schon WOLF, dann DÖLLINGER und PANDER haben diese Schichtung der Keimblätter richtig erkannt, aber erst ERNST von BAER, der Entdecker des Eies der Säugetiere und des Menschen, und die nachfolgenden Forscher haben volle Sicherheit über diese Embryolehre gebracht.

Ich komme nun zur vergleichenden Embryologie, welche wiederum der Entwicklungslehre mit wichtigen Dokumenten in die Hand arbeitet und dadurch neue Stützpunkte für sie gibt.

Die niedersten Organismen bleiben auf der Entwicklungsstufe einer Blase oder Hohlkugel stehen. Hier verrichten die Zellen der einen bleibenden Ringschicht die Ernährung, Empfindung und Bewegung zugleich. Wie das möglich ist, will ich im fünften Lehrbriefe erklären. Die Geschöpfe der zweithöheren Form, die Kugel-, Flimmer- und Pflanzentiere, bilden zwei Keimblätter und bleiben auf dieser Entwicklungsstufe stehen, man unterscheidet das innere Ernährungs- und das äußere Empfindungs-, Ausscheidungs- und Bewegungsblatt.

Erst die mehrzelligen Lebewesen und besonders die Säugetiere zeigen in ihren ersten Entwicklungsstadien drei Keimblätter, das für Empfindung, Ernährung und Bewegung. Ich komme in meiner Naturellehre später hierauf zurück.

Wer sich noch näher von der Entwicklungslehre überzeugen will, der vergleiche die vorstehende Abbildung nach HÄCKEL, aus der deutlich hervorgeht, daß die jungen Embryonen des Menschen und der Säugetiere in ihren verschiedenen Entwicklungsstadien im Mutterleibe eine überraschende Ähnlichkeit zeigen.

Für die Entwicklungslehre sprechen ferner die konstanten Rudimente, z.B. der sogenannte Wurmfortsatz des Blinddarms, ein Überrest von Ausbuchtung des Dickdarms, wie er bei den pflanzenfressenden Säugetieren heute noch funktioniert. Bei einem in Australien lebenden Beutelbären ist der Blinddarm (nach OVEN) über dreimal so lang wie der ganze Körper. Beim Kaninchen nimmt diese Darmausstülpung fast ebensoviel Platz in Anspruch wie der ganze übrige Dickdarm. Man nimmt an, daß bei den pflanzenfressenden Tieren dieses voll entwickelte Darmnetz den Zweck hat, die durch die Verdauungssäfte nicht zerlegte Zellulose (Holzfaserstoff) aufzuspeichern, bis dieselbe zur Gärung gelangt, dem Tier noch Nährstoffe abgibt und die Überreste zur Ausscheidung gelangen. Im menschlichen Organismus ist dieser sogenannte Blinddarm überflüssig geworden und hat sich folglich zurückentwickelt. Man nimmt an, daß weitere konstante Rudimente der breiten Halsmuskel (Platysma), der Gehirnanhang (Hypophyse), die Zirbeldrüse und die Pinealdrüse (Epiphyse) sind.

KLAATSCH meint, daß der breite Halsmuskel, der, in der Wangengegend beginnend, sich über Hals und Schlüsselbein erstreckt und in der Haut der Brust ausstrahlt, beim Menschen keine Rolle spielt, während derartige Muskeln bei niederen Säugetieren sehr verbreitet sind und zur Aufrichtung von Haaren oder Stacheln oder dem Abschütteln von Wasser dienen. Die Hypophyse oder Schleimdrüse geht embryonal aus einem sich abschnürenden Teil der Rachenschleimhaut hervor. Nach von KNYFFERs Untersuchungen an gewissen Fischen, wie Stören und Neunaugen, sollen diese kirschgroßen Anhängsel Riechorgane sein. Beim Menschen tritt bei Erkrankung dieser Drüsen eine Überwucherung eines großen Teiles der Rachenhöhle auf, welche sowohl große Schling- und Atmungsbeschwerden, als auch Störung in der Gehirnentwicklung verursacht. Die Zirbeldrüse oder der Pinienzapfen liegt bei niederen Wirbeltieren unmittelbar über der knöchernen Schädeldecke, welche die obere Rachenhöhle vom Gehirn trennt. Bei den höheren Säugetieren und beim Menschen wird die Zirbeldrüse durch die mehr nach hinten auswachsenden Hirnhälften von der freien Oberfläche dieser knöchernen Zwischenplatte zwischen Großhirn und Rachen nach hinten gedrängt. Diese Drüse soll sehr blutreich sein und oft Konkremente (sogenannten Hirnsand) enthalten. Manche Anatomen wollen daraus ein zurückentwickeltes Riechorgan erklären.

Ich weiche von dieser Anschauung spitzfindig ab. Man kann auch in der Aufsuchung solcher sogenannter Rudimente sozusagen spitzfindig werden und zu Irrtümern kommen. Viel mehr Beweiskraft für die Entwicklungslehre haben die nicht konstant, sondern sporadisch auftretenden abnormen Rückschläge, z.B. die teilweise oder auch gänzlich behaarten Menschen, welche ab und zu geboren und auch alt werden. Denn in einem gewissen Monat der Entwicklung zeigt der Embryo vollständige Behaarung wie ein Säugetier, diese Haare gehen in den letzten Entwicklungsstadien im Mutterleibe wieder verloren. Wenn sie aber die Natur nicht zur Rückentwicklungs bringt, so werden die Kinder damit geboren.

Weiblicher Haarmensch		            	Männlicher Haarmensch
Julia Pastrana (Mexikanerin)	            		Adrian Testichew (Russe)

Einige Beispiele solcher Haarmenschen sind in diesen Abbildungen gegeben. Der Wolfsrachen oder die Hasenscharte, der öfters bei Menschen auftritt, sowie auch die säugetierartige Behaarung des Menschen, ist eine Unentwicklung, ein Hemmungsvorgang in der Entwicklung des Kiefers.

GOETHE entdeckte bekanntlich diesen Zwischenkiefer, welcher den mit Hasenscharte geborenen Menschen mehr oder weniger fehlt. Die Natur macht mit dieser letzten Knochenbildung aller Wirbelknochen, vom Rückenmark beginnend, den Schädel eingeschlossen*).

*) GOETHE entdeckte bei seinen physiognomischen Studien, daß auch die Schädel- und Gesichtsknochen als Wirbelknochen aufzufassen sind, worin ihm die späteren Anatomen recht gegeben haben. ihren Abschluß.

Die vorkommenden geschwänzten Menschen sind wohl die besten Beweismittel für die Entwicklungslehre, besonders des Punktes der Abstammung des Menschen vom Halbaffen. Die Embryonen zeigen ja auch allesamt in ihrem Entwicklungsvorgange anfänglich diese Wirbelfortsätze oder Schwänze.

Bei allen diesen Beweismitteln wird nicht das aufgehoben, was ich zur Entwicklungslehre ergänzend hinzugefügt habe, daß, "wenn es spontane Rückbildungen oder Rückschläge gibt, so gibt es auch spontane Vorwärtsentwicklungsmöglichkeiten; also wunderbare Naturschöpfungen innerhalb der Evolution".

Levitating Stone
(Hinzugefügt)
Jedem zum Erfolg in praktischer Menschenkenntnis zu verhelfen, dazu soll dieses Lehrwerk besondere Dienste erweisen.



Erstellt 1994. Update 26. März 2007.
© Medical-Manager Wolfgang Timm
Fortsetzung
Hauptwerk. 2. Auflage. 1929. Hrsg. Amandus Kupfer

Die  Kronen symbolisieren die höhere Natur in jedem Menschen, sein individueller potentieller innerer Adel. Jedermann ist verpflichtet seinen inneren Adel nach Albrecht Dürer und Carl Huter zu heben.
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